Ist Schweigen Gold?

Dialog-Konstruktiv Blog

 

Dialog Konstruktiv hat kein vorgegebenes Thema, sondern generiert diese stets aus dem Moment. Er lotet gerne die Möglichkeit aus, privat erlebte Muster auf eine gesellschaftliche Ebene zu übertragen. Oder umgekehrt – gesellschaftliche Relevanz im eigenen Verhalten zu erkennen. Mir scheint, der Dialog entfaltet dadurch eine zivilisationsfördernde Wirkung.
Für die Einladung zum monatlichen Dialog-Konstruktiv notiere ich jeweils ein paar Reflexionen zu  Aspekten des zivilen Zeitgeschehens, die für mich einen aktuellen oder allgemeinen Bezug zum Bohmschen Dialog haben.

 

März 2019   

Wächst Unbehagen exponentiell?
Am 28. März findet unser nächster Dialog statt, und ein Tag später ist der offizielle Termin für den Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union – eventuell gibt’s noch ein paar Wochen Aufschub. Mehr als zweieinhalb Jahre reichten der Regierung nicht, um eine mehrheitsfähig Austrittsvereinbarung zu finden. Der ungeordnete Exit jedoch droht mit riesigem Chaos- und Gewaltpotential, so dass bereits die Armee mobilisiert wurde. Die Befürworter des Exits hatten schon im Vorfeld mit einer Eskalation gedroht, falls das Ergebnis der Volksbefragung nicht respektiert werde. Europa im 21. Jahrhundert – wie konnte das passieren?
Gemäss einer Hypothese gründet das Unbehagen der Bevölkerung in der Politik von Premierministerin Margaret Thatcher (1979 – 1990). Ihre Politik führte zu grosser Erwerbslosigkeit und zur Vernachlässigung der Infrastruktur. Der Frust vor allem der ländlichen Bevölkerung hatte rund 40 Jahre lang kaum politische Auswirkungen. Zwar hatte er deutlich zugenommen, als auch der sozialdemo- kratische Premier Toni Blair (1997 – 2007) die Verlierer der Globalisierung ignorierte. Und selbst nach der Finanzkrise ab 2008 stieg die Wachstumskurve des Unmuts weiterhin zu flach, um als systembedrohend wahrgenommen zu werden – entsprechend sahen sich die Profiteure der wirtschaftlichen Umverteilung nicht genötigt, die Geldflüsse umzuleiten.
Steigt eine Wachstumskurve flach an, wird sie als linear und somit prognostizierbar empfunden. Weil jedoch auch Exponentialkurven zu Beginn lange sehr flach ansteigen, wird die Gefahr des plötzlichen steilen Anstiegs kaum erkannt (im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung wird die Exponentialkurve wegen ihrer formalen Ähnlichkeit häufig als Hockeyschläger-Kurve bezeichnet). Sowohl bei der Wahl von Donald Trump als auch vor der Brexit-Abstimmung verlief die Unmutskurve immer noch so flach, dass auf weite Sicht keinen Umbruch zu erwarten war. Doch plötzlich stieg sie so rasch, dass kaum noch Zeit für eine eskalationsprophylaktische Änderung gegeben war.
Für mich ist der Einbezug des Exponentialrisikos somit ein wichtiger dialogischer Aspekt.

 

 

Februar 2019 

Wird durch Kommunikation alles noch schlimmer?
In letzter Zeit habe ich immer wieder gelesen, dass Initianten von Diskussionsveranstaltungen vor der Frage standen, ob sie auch Vertreter von sogenannt „populistischen“ Parteien einladen sollen. Das Dilemma scheint darin zu bestehen, dass einerseits an das meinungsbildende und zivilisierende Potential des Gesprächs geglaubt wird, anderseits jedoch viele aktuelle Beispiele zur gegen-teiligen Erfahrung führten, dass Populisten die Plattform für ihre Polarisierungsbestrebungen missbrauchten und ihre politischen Gegner diffamierten.
Indifferenz und Selbstprofilierung durch Verunglimpfung des Gegners scheint allerding nicht nur eine Methode der Populisten zu sein. So prägte z.B. die Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz im Rahmen der parlamentarischen Erweiterung der Rassismus-Strafnorm zwar den Leitspruch, Diskriminierung sei keine Meinungsfreiheit, sondern ein Verbrechen. Weil ihre politischen Gegner den Einbezug von Homosexuellen in die Strafnorm jedoch mittels Referendum bekämpfen möchten, bezeichnete die Geschäftsleiterin ihre politischen Gegner als „reaktionäre Affen“.
Solcherlei hindern den Geschichtsredaktor der NZZ jedoch nicht daran, die „hiesige Tradition der Konsensfindung, des Kompromisses und des Ausgleichs“ zwar als sympathische Eigenschaften, jedoch als „Gift“ für die Satire zu bezeichnen. Er bezog seine Kritik auf das neue SRF-TV-Satireformat von Michael Elsener. Elseners Vorgänger und studierte Philosoph Mike Müller antwortete dem NZZ-Kritiker via Twitter: «Wenn Du nicht einmal zwischen Improvisation und Skript unterscheiden kannst, ist eine DNA-Analyse des Volkskörpers hinsichtlich seiner Humorfähigkeit für Dich vielleicht ein paar Stufen zu hoch». Und nur wenige Retweets später wird zwischen den beiden Akademikern tatsächlich der Nazivergleich bemüht.
Eine dialogische und somit nichtdiffamierende Kommunikation mag auf Anhieb allenfalls fade wirken, scheint jedoch intellektuell äusserst anspruchsvoll zu sein. Darum üben und praktizieren wir den Dialog weiterhin – und heissen Sie dazu herzlich willkommen.

 

Januar 2019 

Wer glaubt noch an die Wahrheit?
Für die Stabilität von Gesellschaften mag es lange Zeit von Vorteil gewesen sein, an die Wahrhaftigkeit eines Schöpfungsgottes zu glauben. Zwar können wir heute spirituell sein ohne an die Existenz eines sogenannten Gottes glauben zu müssen. Doch das Wesen der Wahrheit scheint sich noch nicht emanzipiert zu haben.
So schwingt zwar beim Titel „FAKE. Die ganze Wahrheit“ einen Hauch von Skepsis gegenüber dem Wahrheitsbegriff mit, wenn das Stapferhaus Lenzburg zur aktuellen Ausstellung ins adrette neue Gebäude einlädt. In der Ausstellung selber habe ich von dieser Skepsis jedoch nichts mehr gespürt. Dass die Idee einer sogenannten „Wahrheit“ selber eine Konstruktion und damit alles andere als wahr sein könnte, wird leider nicht einmal in Erwägung gezogen  (passend scheint mir an dieser Stelle wieder mal der Gedanke von Heinz von Foerster, wonach Wahrheit die Erfindung eines Lügners sei).
Und nach der Entlarvung des „optimierenden“ Journalisten Claas Relotius beteuerten sämtliche Redaktionen, dass kein Meinungsjournalismus akzeptiert werde, sondern nur objektive Berichterstattung. Sie vermitteln damit ihren Konsumenten das Gefühl, dass es so etwas wie Objektivität und Wahrheit gebe, und dass sie die Wahrheit sogar besitzen. Dieses Dogma wird subtil gestützt, indem auch Artikel unter der Überschrift „Kommentar“ oder „Meinung“ publiziert werden. Das soll mich wohl im Glauben bestärken, dass die andern Artikel frei von persönlichen Prägungen der Journalisten und Journalistinnen sind.   
Nun, die Kirche verdrängte lange, dass die Menschen sich nicht mehr gängeln liessen durch die Angstmacherei mit Hölle und Fegefeuer. Ebenso wollten die klassischen Medien lange nicht wahrhaben, dass die Menschen sich nicht mehr diffamieren lassen, wenn sie das Weltgeschehen anders bewerteten als die Redaktionen – und diese Medien somit als falsch empfanden. Der Tages-Anzeiger z.B. stellte 2013 dem Schweizer Autor und Philosophen Jonas Lüscher nach den Abstimmungen zum Minarettverbot, der Ausschaffungsinitiative und der Verschärfung des Asylrechts unter dem Titel „Die unanständige Mehrheit“ eine ganze Doppelseite für eine äusserst arrogant wirkende Publikumsbeschimpfung zur Verfügung.
Solange die Medien daran glauben, dass es „Objektivität“ gibt, werden sie das Potential dialogischer Bericht-erstattung kaum erkennen. Unter dialogischem Journalismus verstehe ich das Bewusstsein, dass individuelle Prägung auch die Arbeit prägt und somit stets subjektive Aspekte einfliessen. Er ermöglicht also die Haltung, dass ein bestimmter Sachverhalt eben auch anders dargestellt und bewertet werden kann. Ganz beiläufig würde damit den sogenannten Populisten das Wasser für ihre „alternativen Wahrheiten“ entzogen.      Natürlich ist damit das Propagandaproblem noch nicht behoben, aber die dialogische Haltung bietet wahrscheinlich eine vertrauens-bildendere Ausgangslage   🙂

 

November 2018 

Verdient der Begriff „egozentrisch“ seine negative Bewertung?
Bei einem der letzten Dialoge äusserte jemand die Hypothese, dass der Bohmsche Dialog wohl deshalb kaum zu einem Breitenphänomen werde, weil es zu anspruchsvoll sei, von sich selber zu sprechen. Letzte Woche konnte ich im Rahmen der „langen Nacht der Philosophie“ einen Bohmschen Dialog anbieten. Es kamen erfreulich viele Dialog-NovizInnen. Viele von ihnen waren (zunächst) konsterniert über die Bedeutung des Ichs beim Bohmschen Dialog. Wenn ich die diversen Äusserungen komprimiere, resultiert daraus, dass Egozentrik doof sei und sicher keine erstrebenswerte Zierde. Natürlich kenne ich auch Menschen, die mit einer mir unliebsamen Selbstdarstellung sämtliche Gespräche dominieren. Und bevor ich den Konstruktivismus kennenlernte, habe ich den Begriff auch in der negativen Konvention verwendet. Als Konstruktivist vertrete ich allerdings die Ansicht, dass Menschen nur egozentrisch sein können, und dass diese Eigenschaft somit neutral und nicht negativ ist. Früher habe ich den Begriff „egozentrisch“ sehr synonym mit narzisstisch verwendet  – entsprechend muss ich nun wohl sagen dass ich mir für den Dialog Egozentrik mit gedämpftem Narzissmus wünsche. Wobei Narzissmus natürlich auch ein Wort mit grossem Diskussionspotential ist. Doch hat da nicht mal jemand gesagt, dass der Dialog das Gespräch nach der Diskussion sei?

 

Oktober 2018 

Wie aggressiv muss das Bekenntnis zur Gewaltfreiheit sein?
Im MAGAZIN vom 29.September 2018 umreisst der Spiegelkolumnist und Autor Georg Diez ein Kommunikationsdilemma. Er baut die nachvollziehbare These auf, dass verdiente (Links-)Intellektuelle bereits ab den 1970er-Jahren ein Gedankengut vorbereiteten, auf dem nun Pediga und AfD gedeihen. Denn Günter Grass und Martin Walser beispielsweise hätten wortgewaltig eine Mentalität diffamiert, die ihnen ein Schuldgefühl von Hitlerwahl bis Holocaust aufzwinge.   Für Diez scheint die ermüdende Frage nach der Meinungsäusserungsfreiheit allerdings kein Dilemma zu sein – er diffamiert nun die Leute, die nach seiner Meinung den Kompass verloren haben. Auch wenn ich mit der Analyse übereinstimme – von der Abwertung distanziere ich mich. Diffamierung bewirkt bei mir das Gegenteil dessen, was ich als Ziel wahrnehme – weil ich Diffamierung als ungute Aggression empfinde, weil ich hinter der Diffamierung eine Haltung von Rechthaben sehe, weil Diffamierung meistens auf Menschen statt auf Verhalten zielt.
Ich frage mich, ob die Aufmerksamkeitsökonomie ausschliesslich mehr Aggressivität empfiehlt?
Am Sonntag haben sich gegen 4‘000 Menschen an der Aktion „Die Schweiz spricht“ beteiligt. Sie hatten bei der Anmeldung ein Set zu gesellschaftlichen Fragen beantwortet und sich dadurch profiliert. Aus diesen Profilen hat ein Algorithmus möglichst unterschiedliche Paarungen generiert, die sich nun über ihre Standpunkte austauschten. Auch wenn allen klar war, dass es hier nicht um handfeste Interessen ging, schienen die meisten Teilnehmenden überrascht gewesen zu sein, wie einig man sich bezüglich übergeordneter Ziele war. Mir scheint, miteinander in Beziehung zu treten kann durchaus aggressionsfreie Aufmerksamkeit ermöglichen.
Ich freue mich sehr, dass die dialogisch Kompetenz der respektvollen Aufmerksamkeit (respektvoll im Sinne von „nicht verurteilen, nicht diffamieren“) so erfolgreich praktiziert wurde. Die Aktion hat schon in verschiedenen Ländern stattgefunden und soll weitergeführt werden.  
Auch am Donnerstag, 15. November 2018 kann der Dialog praktiziert werden – unter dem Titel „Experimentelles Denken – Reflexionserfahrung durch Bohmschen Dialog“ beteiligt sich Dialog-Konstruktiv an der Langen Nacht der Philosophie   (von 16 – 18 Uhr im Kulturmarkt, Aemtlerstrasse 23, 8003 Zürich).            https://www.langenachtderphilosophie.ch/

 

September 2018

Ist der Dialog philosophisch?
Eine Antwort könnte lauten:  der Bohmsche Dialog basiert auf dem erkenntnistheoretischen Konstruktivismus, und die Erkenntnistheorie ist eines der Hauptsegmente der Philosophie, somit kann ich dem Dialog wohl zumindest philosophische Komponenten zusprechen.  Damit war für mich die Frage jedoch erst gestellt und noch nicht beantwortet, ob ich mich mit einem Dialog an der diesjährigen „Langen Nacht der Philosophie“ beteiligen möchte. Geklärt hat sich mir die Frage dadurch, wie ich den Dialog an diesem Anlass ankündigen könnte:
Experimentelles Denken – Reflexionserfahrung durch Bohmschen Dialog   
Mit andern Worten – wir sind dabei: am Donnerstag, 15. November 2018 (von 16 – 18 Uhr im Kulturmarkt, Aemtlerstrasse 23, 8003 Zürich). Denn für mich ist es klar eine philosophische Handlung, wenn ich meine Position im persönlichen und soziopolitischen Umfeld reflektiere.

 

Folgender Text erscheint auf der Homepage   www.langenachtderphilosophie.ch/
Für den Quantenphysiker David Bohm (1917-92) werden Auseinandersetzungen zu oft von verdeckten oder unbewussten Interessen dominiert. Er entwickelte Reflexions- und Gesprächselemente, um das Dilemma zwischen Individual- und Gesamtinteressen transparent und damit gestaltbar zu machen. Die Welt verändere sich „durch das Wort“ (dia logos).
Wutbürger, Diffamierungen in den Sozialen Medien, Wahlerfolge von autoritären Politikern, nationalistische Separationen etc. – immer häufiger werden solche Phänomene als Gewalt und somit als Zeichen von individueller und kollektiver Überforderung gedeutet. Die Gesellschaft steht vor einem Dilemma, weil sie einerseits reagieren muss, anderseits verurteilende oder repressive Reaktionen selber Gewalt darstellen und somit zur Eskalation verleiten.
Viele Menschen erkennen im dialogischen Gespräch ein Instrument zur Überwindung dieser Zwickmühle. Die Herausforderung liegt in der radikalen Öffnung der eigenen Position. Das Wort des Gegenübers kann mich irritieren und inspirieren. Die Bereitschaft, sich urteilsfrei auf andere Positionen einzulassen, kann auch als Beziehungsangebot wirken. Die andere Position interessiert mich, egal ob sie mich auf- oder anregt. Beim Dialog werden die eigenen Gedanken und Worte permanent beobachtet und darauf konditioniert, eigene Empfindungs- und Bewertungsmuster zu erkennen und allenfalls umzuformen. In dieser Haltung kann mich auch das eigene Wort irritieren und bewegen.
Das Gesprächsthema wird jeweils aus dem Moment generiert, weil beim Dialog die Art des Sprechens zentraler ist als der Inhalt. Und bekanntlich war „im Anfang das Wort“.

 

Zunächst hatte ich geplant, im Oktober ähnlich wie letztes Jahr anstelle des Donnerstags-Dialogs an einem Samstag-Nachmittag einen grösseren Themendialog zu veranstalten. Doch damit mir der Organisationsaufwand nebst der Teilnahme an der „Langen Nacht“ nicht zu gross wird, findet im Oktober ein regulärer Dialog statt (am vierten Donnerstag des Monats: 25.10.2018).
 
 

August 2018

Lob der Indifferenz?
Vor Jahren stiess ich auf die Aussage, das Gegenteil der Toleranz sei nicht Intoleranz, sondern Indifferenz. Seither faszinieren mich die kleinen Unterschiede (Differenzen) und führen mich bei argumentativen Engpässen zur Annahme, dass ich den zur Diskussion stehenden Sachverhalt wohl noch zu wenig ausdifferenziert habe.
In jüngster Zeit habe ich jedoch festgestellt, dass mich Begriffsdifferenzierungen langweilen, wenn ich die Begriffe mehr oder weniger synonym verwende (z.B. Gefühle und Emotionen). Ist es möglich, dass das Ausdifferenzieren gar nicht immer wünschenswert ist?   Ich erinnerte mich auch an einen Artikel mit der These, dass die Unterscheidung von Homo- und Heterosexualität in der Menschheitsgeschichte relativ jung sei. Obwohl das Phänomen wohl seit jeher existiert, schien diese Unterscheidung bedeutungslos gewesen zu sein. Kann es sein, dass mit der Differenzierung auch ein Instrument für Diffamierung und Ausschluss geschaffen wurde?
Vor einem Monat haben unsere Medien berichtet, dass – im Gegensatz zur Schweizer Verfassung – der Begriff „Rasse“ in der französischen Verfassung gestrichen wurde. Die wissenschaftliche Erkenntnis hat sich durchgesetzt, dass unterschiedliche Augenformen oder Hautfarben nur Phänomene und keine Rassenmerkmale sind – wir gehören alle zur selben Rasse. Und da es keine unterschiedliche menschliche Rassen gibt, macht auch eine Gleichstellung „ … unabhängig von Herkunft, Religion und Rasse„ keinen Sinn.
Bei der angesprochenen Verfassungsänderung habe Frankreich den Begriff „Rasse“ durch den Begriff „Geschlecht“ ersetzt. Somit wird nun also eine Gleichstellung „ … unabhängig von Herkunft, Religion und Geschlecht“ gewährt. Da stellt sich mir die Frage, ob es statt der geschlechtlichen Differenzierung nicht konsequenter wäre, statt von Männern und Frauen einfach von Menschen auszugehen.
Zu vernehmen war auch, dass New York sich in einer neuen Form von Indifferenz übe. Weil durch die Transgender-Erkenntnisse die geschlechtliche Differenzierung in Männer und Frauen zu unpräzis geworden sei, habe die Stadt ihre öffentlichen Toiletten in Unisex-Kabinen umgestaltet.  
Nach der Sommerpause wünsche ich, dass Ausdifferenzierung auch Ihnen zu Komplexitätsreduktion verhilft  🙂

 

Juni 2018

Können oder wollen?
Es mag eine Legende sein, doch mir gefällt die Geschichte:  Roger Schawinski soll 1979 sein Radio24 mit der Jimmy Cliff-Version von „You Can Get It If You Really Want“ eröffnet haben. Sowohl Cliff wie Schawinski haben bewiesen, dass diese Aussage stimmt – beide haben mit hohem Energieaufwand (Wille) ein grosses Ziel erreicht.
Dass der Wille für individuelle Erfolge massgeblich sei, ist jedoch eine perfide Botschaft, da sie nur die halbe Wahrheit abbildet. Der andere Teil vermittelt subkutan, dass erfolglose Menschen selber schuld sind, weil sie sich zu wenig Mühe gegeben haben. Die Botschaft spiegelt somit eine Haltung, die es Bürgern erlaubt, den Sozialstaat mit reinem Gewissen zu pulverisieren.
Als Mitbegründer der Humanistischen Psychologie verwies Carl Rogers vehement darauf, dass ein gesundes Wesen wachsen will. Wichtig an dieser Aussage ist für mich der Verweis auf die Motivation:  Menschen wollen.  Wie beim Satz von Paul Watzlawick (wir können nicht „nicht-kommunizieren“) resultiert aus Rogers Satz, dass es „Nichtmotivation“ nicht gibt, weil alles Wille ist. Die Frage lautet nicht „Motivation ja oder nein“, sondern „Motivation wofür?“. Die Motivation für sogenannte „Bequemlichkeit“ z.B. kann aus dem Standpunkt von Carl Rogers als mehr oder weniger bewusste Profilaxe vor Überforderung gedeutet werden.
Wenn Menschen etwas nicht erreichen, liegt es nicht am Wollen, sondern am Können. Entsprechend brauchen Menschen keine moralisierende Unterstellungen („… du willst nur nicht“), sondern Befähigung – Menschen wollen, wenn sie können.

 

 

Mai 2018

Frieden oder Gerechtigkeit?
Eine „entweder oder“-Frage bereits im Titel! Dabei konnte ich mich diesem verführerischen Entscheidungsdilemma doch schon so oft dadurch entziehen, dass ich es auf seine „sowohl als auch“-Eignung überprüfte. Doch für die Begriffe „Frieden“ und „Gerechtigkeit“ ist die Gleichzeitigkeit meines Erachtens eine heikle Sache. Vor etlichen Jahren hatte ich Israel und Palästina während einigen Monaten bereist und mich seither mit der Geschichte dieser Region beschäftigt. Nun ist der Konflikt durch die Verschiebung der amerikanischen Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem wieder aufgeflammt. Und mantrahaft wird wiederholt, dass man sich „Frieden und Gerechtigkeit“ wünsche.
In meinen Beratungsgesprächen höre ich häufig Geschichten von Menschen, die unter Ungerechtigkeiten leiden, die sie in der Familie, in der Beziehung oder am Arbeitsplatz erlebt haben. Nach meiner Beobachtung leiden alle Menschen unter erlittener Ungerechtigkeit. Unterschiedlich ist meist nur, ob und in welcher Form die Betroffenen die mit der Verletzung verbundene Scham zulassen. Es scheint nachgerade der Sinn von Ungerechtigkeit zu sein, Instabilität zu verursachen, um im Idealfall durch die resultierende Auseinandersetzung zwischen den Parteien eine höhere Stabilität zu erzeugen. Doch wie sieht es aus, wenn das Gegenüber bei sich keine Schuld anerkennen will, auf die Beziehung pfeifft und eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe somit gar nicht möglich ist? Kann Frieden auch unilateral herbeigeführt werden?
Ende Januar erinnerten uns die Medien daran, dass Mahatma Gandhi vor 70 Jahren ermordet wurde. Er hatte sowohl in der Auseinandersetzung mit der britischen Kolonialmacht wie mit den muslimischen Interessensvertretern auf Gewaltfreiheit gesetzt, weil er in der Gewalt keine langfristige Stabilität erkannte. Ermordet wurde der Hindu Gandhi jedoch von einem Hindu. Dieser gehörte zu einer Gruppe, die Gandhis gewaltfreie Verhandlung mit den Muslimen als Verwässerung und Schwächung der hinduistischen Position empfand. Einen Frieden mit Kompromissen bei der Gerechtigkeit war für sie Verrat an der Identität.
Ich erlebe es an mir selber, wie schwierig es sein kann, erfahrene Ungerechtigkeit zu relativieren und diese Kompromisse nicht als Schwäche, sondern als Stärke zu verinnerlichen. Unter diesen Umständen scheint mir Friede und Gerechtigkeit möglich.
 
PS: es gibt viele gute Gründe, am vierten Donnerstag des Monats jeweils nicht am Dialog-konstruktiv teilzunehmen. Am kommenden Donnerstag kommt noch ein gewichtiger dazu – er heisst Hagen Rether. Man stelle sich vor – der deutsche Kabarettist tritt seit 2003 mit einem Programm auf, das er zwar permanent aktualisiert, jedoch stets mit „Liebe“ betitelt.
Am 24. Mai im Volkshaus Zürich, und am 26. Mai im Casino Winterthur.

 

April 2018

Ist Schweigen eine dialogische Kompetenz?
Wurde ich bisher nach dem für mich zentralsten Element des Bohmschen Dialogs gefragt, nannte ich jeweils die „dialogische Haltung“. Darunter verstehe ich
  • von meiner Welt zu sprechen statt von der Welt, somit „ich-Botschaften“ zu machen,
  • andere zu respektieren, indem ich Verhalten selbst dann nicht verurteile, wenn ich es für mich nicht akzeptiere,
  • andere im Gespräch ausreden zu lassen.
In letzter Zeit hat es sich bei Dialog-Abenden ergeben, dass wir auf das Element des „Sprechobjektes“ (z.B. ein Ball, der vor den Sprechenden zu sich genommen und danach wieder in die Mitte gelegt wird) verzichtet haben und das Gespräch einfach seinem Fluss überliessen. Einmal setzten wir das Gespräch gar einfach am Tisch fort, an dem wir zuvor die Suppe gelöffelt hatten, und verzichteten somit auf den klassischen Stuhlkreis. Für mich war es ein Versuch: vermag die dialogische Haltung auch ohne die rituellen Elemente ein dialogisches Gesprächserlebnis zu erzeugen?   Die Auswertung ergab, dass die beiden Elemente „ich-Botschaften“ und „Respekt“ gleich gut eingehalten wurden wie im rituellen Setting und dem Gespräch sowohl dialogische Qualität wie auch den vertrauensbildenden Rahmen geben konnten. Als anspruchsvoll wurde empfunden, ohne Sprechobjekt die andere Person aussprechen zu lassen. Doch als grösste Differenz im Vergleich zum Gespräch mit Sprechobjekt wurden die dezimierten Gesprächspausen genannt. Ohne die verlangsamende Wirkung des Sprechobjekts hatten die Gespräche mehrheitlich einen flotten Fluss. In der Bewertung nannten zwar einige Teilnehmende diesen Fluss als sehr angenehm, unbeschwert und natürlich. Andere jedoch vermissten die stillen Unterbrüche, die beim Gespräch mit Sprechobjekt oft entstehen und Raum für Reflexion ermöglichen. Einige nannten diese Stille gar als ihr zentralstes Element für eine spezifische Dialogerfahrung.
Vor einem Jahr (Nr.13/2017) widmete DAS MAGAZIN den Bürgern von Finnland zum 100. Geburtstag ihrer Staatsgründung eine Schwerpunkt-Ausgabe – und setzte sich dabei auch mit dem sprichwörtlichen Schweigen der Finnen auseinander. Dieses Schweigen, das für viele Menschen offenbar Ursprung von Langeweile zu sein scheint, hat in der finnischen Sprache den identitätsstiftenden Begriff Oma aika erhalten – für die Zeit, die man mit sich selbst verbringt. In diesem Zusammenhang wird auch auf den Naturforscher Edward Wilson verwiesen. Er habe dem Gefühl der totalen Ruhe, das einem angesichts tiefer Verbundenheit mit der Natur überkommt ebenso wie dem Glückszustand, der darauf beruht, dass nichts geschieht, den Begriff „Biophilie“ gegeben (altgriechisch: bios „Leben“ und philia „Liebe“; wikipedia).
Und einmal mehr lautet für mich die Frage nicht, ob das eine besser sei als das andere (mit oder ohne Ritual), sondern ob es mir gelingt, in beiden Verfahren den jeweiligen positiven Wert zu erkennen und daraus Energie zu schöpfen. In diesem Sinn freue ich mich auf traditionelle wie experimentelle Gäste.

 

März 2018

Haben Lügen lange Beine?
Eine grosse Studie das Massachusetts Institute of Technology soll durch die Analyse des Twitter-Archivs die Wirkung von Diffamierungen und Lügen untersucht und dabei eine über 300-jährige Aussage des irischen Schriftstellers Jonathan Swift bestätigt haben: „Die Lüge fliegt, und die Wahrheit hinkt hinterher“. Dieser Topos erfreut sich spätestens seit Brexit und der trumpschen Präsidentschaft grosser Beliebtheit. Es gibt ein paar Aspekte, die ihn für mich aus dialogischer Optik interessant machen. Einerseits ist er mir zu unpräzise. Ich glaube nicht, dass es der Lügencharakter ist, der eine Botschaft zum Hype macht, sondern der Sensationscharakter. So wie eine Wahrhaftigkeit sensationell sein kann, kann umgekehrt eine Lüge unglaubwürdig und banal sein. Denn würden diffamierende und gefakte Geschichten immer auf relevante Resonanz stossen, wäre die stadtzürcher SVP bei den Wahlen Anfang März doch erfolgreich gewesen. Aber mit ihrer Propaganda, dass der aktuelle Stadtrat ein „Saustall“ sei, der jetzt ausgemistet werden müsse, machte sich die Partei lächerlich und verlor einen beträchtlichen Sitzanteil.
Ein zweiter Aspekt von Interesse ist der Anspruch, sogenannte Fake News durch Faktenchecks verifizieren zu können. Die Geschichte beispielsweise, wonach Hillary Clinton in einen Kinderpornoring verwickelt sei, der sich durch eine Pizzeria tarne, verwendet überprüfbare Fakten und konnte somit schnell geklärt werden (siehe Pizzagate). Der erwähnte Saustall-Slogan der SVP jedoch verwendet den Begriff ja nicht im realistischen und somit überprüfbaren Sinn, sondern als Metapher. Er ist eine subjektive Einschätzung, auch wenn die Verfasser ihre Botschaft aus Marketinggründen natürlich als absolute Tatsache zu verkaufen versuchen. Doch wie soll diese Einschätzung verifiziert werden? Ohne gegenseitig anerkannte Beurteilungskriterien wie z.B. Finanzhaushalt oder die vielen Städte-Rankings kann ihr nur eine andere subjektive Einschätzung gegenüber gestellt werden. Welches Narrativ von den Lesenden dann als passender für ihr jeweiliges Stimmigkeitsgefühl empfunden wird, hängt von ihren Vorgeschichten und den daraus resultierenden Wertekriterien ab.
Und damit bin ich bei einem dritten Aspekt – dem Zeitfaktor oder der Verwechslung von Ursache und Wirkung. Weltbilder formen bzw. verändern sich meistens so langsam, dass man es sogar an sich selber kaum bemerkt. Wenn ein traditioneller SP-Wähler plötzlich SVP wählt, steckt dahinter eher ein langer und schmerzlicher Prozess als ein abrupter Wandel. Abrupt ist nur die Manifestation des Wandels, der Prozess ist verdeckt. Meistens brauchte es nur noch einen vergleichsweise kleiner Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Und weil es ein langer Weg von kleinen Schritten war, kann der Wandel auch kaum differenziert erläutert werden. Meistens wird als Gefühl wahrgenommen, dass etwas nicht mehr stimmig sei, und politische Profiteure bieten kurze und einfache Erklärungen an, z.B. dass zugewanderte Menschen bei Steuergeld- und Arbeitsplatzvergabe bevorzugt werden. Das neue Verhalten ist somit nicht Ursache, sondern nur der Ausdruck, das Symptom. Wenn mein Gegenüber nur mein aktuelles Verhalten kritisiert, ohne die dahinterliegende Geschichte zu würdigen, prallt die Kritik an mir ab. Allenfalls wird durch die ungeschickte Kritik – ganz im Kontrast zu ihrer Absicht – mein Trotz aktiviert und damit die aktuelle Position sogar noch verfestigt. Auch wenn sich Wählende von Trump, AfD, Cinque Stelle etc. fremdenfeindlich manifestieren, dürfte dieses Etikett von ihnen wohl eher als undifferenziert und diffamierend empfunden werden. Fehlentwicklungen mit langer und schleichender Geschichte können wohl nur selten schnell korrigiert werden. Wenn ich mich von einer Gruppe nach und nach ausgeschlossen fühle, brauche ich wohl viel Beziehungsaufbau, um das Vertrauen wieder herzustellen. Dann aber kann sich ein Phänomen zeigen, für das der Volksmund schon lange eine Erklärung hat: Lügen haben kurz Beine.
Entsprechend wünsche ich Ihnen viel Energie für Beziehungspflege.

 

Februar 2018

Verhindert Solidarität gesellschaftliche Reformen?
Der Befund ist nicht neu – die zunehmende Individualisierung bewirke eine steigende Entsolidarisierung. Nach meiner Wahrnehmung der mitteleuropäischen Medien scheint der sogenannte Klimawandel trotz bürgerlicher Dominanz in unseren geografischen Breiten beschlossene Sache zu sein. Doch obwohl die Angst vor drohenden Konsequenzen dieser Erwärmung gemäss Umfragen seit Jahren in breiten Bevölkerungskreisen zu den grössten Bedrohungen zählt, reduziert sich zum Beispiel die ressourcenintensive Mobilität offenbar vor allem bei den Menschen, deren Haushaltsbudget auf Grund prekärer Erwerbseinkommen massiv geschrumpft ist. Die „Demokratisierung der Mobilität“, die nach dem zweiten Weltkrieg in den industrialisierten Ländern eingesetzt hat, scheint sich wieder zu kehren. Wer sich viele und weite Mobilität mit Verkehrsmitteln (also nicht mit körpereigener Energie) leisten kann, markiert damit auch seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Klasse. Doch was sind die guten Gründe, dass ich mich trotz meiner Sorge vor einem Klimakollaps klimabelastend und somit unsolidarisch verhalte? Allenfalls sage ich mir, dass mein Reisen den interkulturellen Dialog bestärkt. Dieses Argument hat für mich jedoch reichlich kolonialistisch-arrogante Elemente, wenn ich den WWF-Hinweis bedenke, dass nur rund 5% der Weltbevölkerung je in einem Flugzeug sass (https://www.wwf.ch/de/unsere-ziele/flugverkehr). Oder ich sage mir, dass die individuellen Profite von klimaschädlichem und unsolidarischem Verhalten (z.B. der oben angesprochene soziale Status) noch zu gross sind im Vergleich zum Profit für ressourcenschonendes und solidarisches Verhalten, und dass es folglich für alle verbindliche Regeln auf Gesetzesebene brauche, z.B. ökologische Steuern oder was auch immer.
Lässt sich daraus allenfalls ableiten, dass solidarisches Verhalten (im Sinne von umweltfreundlichem Verhalten) zurzeit kontraproduktiv ist, weil dadurch der faktenschaffende Druck für politische Veränderungen dezimiert wird?

 

Januar 2018

Sind Emotionen irrational? Falls ja – wie weiter?
Im Leserbrief zu einem Artikel über Pflegepersonal, das sich nicht impfen lassen will, hat eine Psychiaterin den Schluss gezogen, dass solches Verhalten irrational sei und sich somit jeglicher sachlichen Argumentation entziehe.
Was immer die gute Absicht der Psychiaterin war, auf mich wirkt ihre Haltung gegenüber irrationalem Verhalten diffamierend. Denn einen Grossteil meines Verhaltens könnte ich spontan nicht rechtfertigen, ich verhalte mich meistens affektiv, unbewusst und somit irrational. Und beim Beobachten meiner Umgebung wirkt das ganz normal – wo kämen wir hin, wenn alles zuerst durchdacht werden müsste. Wohl reflektiere ich Feedbacks auf mein Verhalten. Daraus kann einerseits Bewusstheit, anderseits Verhaltensveränderung resultieren. Allerdings erscheint mir mein Leben zu vielschichtig und komplex, als dass ich es rational begreifen könnte – nebst meinen blinden Flecken hinke ich mit meinen Erkenntnissen den Ereignissen stets hinterher. Muss ich mir deswegen Asche aufs Haupt streuen, wie das die Psychiaterin suggeriert? Natürlich habe ich mich auch schon geärgert, weil eine Erkenntnis oder eine Verhaltensänderung nicht oder nur schleppend erfolgte, sei es bei mir selber oder bei einem Gegenüber.
Im Magazin des Tages Anzeigers vom 20.01.2018 habe ich von der sächsischen Ministerin für Gleichstellung und Integration gelesen, sie habe das Zuhören zum politischen Prinzip gemacht. In dem ostdeutschen Bundesland ist der Anteil von sogenannt „rechtsnationalistischen“ Parteien bei den letzten Wahlen stark gestiegen. Obwohl der Prozentsatz von zugewanderten Menschen dort im gesamtdeutschen Vergleich sehr tief ist, sei die Fremdenfeindlichkeit überdurchschnittlich hoch. Beim Besuch der Ministerin verfügten die Leute zunächst nur über die parteipolitisch vermittelten Standardargumente, mit denen sie den irrational wirkenden Widerspruch zwischen realer und gefühlter Bedrohung durch Fremde jedoch nicht auflösen konnten. Doch trotz Erklärungsnot hätten sie das Gefühl, irgendwie im Recht zu sein. Indem sich die Ministerin für die Nöte der Leute interessierte, bot sie ihnen eine Beziehung an. Erst als das Angebot angenommen wurde, erfuhr sie sehr reale Geschichten, die in ihrer Komplexität typisch sind für das Leben. Aus der Distanz einerseits sowie der Summe der Geschichten anderseits kristallisierte sich bei der Ministerin ein starkes Motiv für das irreal wirkende Verhalten heraus – Scham. Die aktuelle Stimmung scheint nämlich auch die Folge der deutschen Wiedervereinigung zu sein, deren Abwicklung im Osten als brutal und äusserst arrogant wahrgenommen wurde. Das resultierende Schamgefühl wird als sehr unangenehm empfunden, entsprechend lauern die Menschen auf ein Ventil, um den Druck abzulassen. Auch die Historikerin Ute Frevert zeigt als Leiterin des Forschungsbereichs „Geschichte der Gefühle“ des Max-Planck-Instituts in ihrem Buch „Politik der Demütigung“, dass Beschämung und Diffamierung eine zentrale Bedeutung haben – sowohl für individuelle wie für gesellschaftliche Reaktionen.
Auch irreal wirkendes Verhalten scheint also gute Gründe zu haben, nur stehen die Ursachen halt oft in einem sehr verwinkelten Zusammenhang mit den Symptomen, und können somit nur schwer erfasst werden. Fairerweise müssten wir meines Erachtens demnach sagen, dass die Verwendung des Begriffs „irrational“ wohl mehr über den Verständnismangel der zuschreibenden Person – z.B. der oben erwähnten Psychiaterin – aussagt als über die Rationalität der beschriebenen Person. Mir scheint es passender, den defizitären Begriff „irrational“ durch eine Ressource zu ersetzen – indem wir der kognitiven Rationalität eine emotionale Rationalität zur Seite stellen.

 

Dezember 2017

Was passiert, wenn ich Anerkennen erfahre?
Im Jahresschluss-Leitartikel des Tages Anzeigers fordert die Chefredakteurin mehr kritischen Journalismus. Sie bezieht sich dabei auf das Vorfeld von Volksbefragungen wie die Brexit-Abstimmung oder die Wahl von Donald Trump. Die meisten etablierten Medien wurden von den beiden Ergebnissen völlig überrascht. Um diese Schmach zu lindern, wird die Ursache des Debakels gerne den „Fake-News“ zugeschrieben. Fake-News benennen meines Erachtens jedoch nur einen Teil der Wahrheit, denn ich habe nicht den kritischen, sondern den empathischen Journalismus vermisst. Nach meiner Wahrnehmung hat der „kritische Journalismus“ genau das Gegenteil seiner Ziele erreicht. Das Zielpublikum empfand die „Richtigstellungen“ der etablierten Medien als Bestätigung seiner Empfindung, dass eben diese Medien elitär sind und keine Ahnung haben von der Realität der sozialen Verlierer. Natürlich kann Propaganda das politische Klima beeinflussen. Resonanz kann Propaganda jedoch nur auslösen, wenn ihre Botschaft nicht in Opposition steht mit dem Befinden des Zielpublikums. Steht das Befinden des Zielpublikums jedoch bereits in Opposition mit den etablierten Medien, stacheln kritische Faktenchecks dieser Medien den Widerstand der Leute meistens erst recht an.
Gemäss Selbstbeobachtung erreichen mich mir gegenüber kritische Position am ehesten, wenn meine Position zunächst anerkannt und gewürdigt wird – das heisst, wenn die Kritik aus meiner Optik empathisch ist. Die sogenannten Populisten hatten ein gutes Gespür für das Befinden der Bevölkerung, denn sie würdigten dieses Befinden und lösten damit Resonanz aus.
Ich freue mich auf die künftige Dynamik, wenn etablierte Medien eine differenziertere Haltung gegenüber dem Populismus entwickeln. Wenn sie zum Beispiel – anstatt fremdenfeindliche Ressentiments zu verurteilen – zunächst die guten Gründe für die Ressentiments erkennen und würdigen. Sie können dem Gegenüber damit eine Beziehung auf Augenhöhe anbieten, um dann die eigene Geschichte zu erzählen, einfach nur als Angebot, ohne rechthaberischen Anspruch. Damit setzten sie dem schlichten Populismus einen auf Beziehung basierenden – ergo einen relativen Populismus entgegen.
Dialog-Konstruktiv lotet in seiner Praxis immer wieder die Möglichkeit aus, privat erlebte Muster auf gesellschaftliche Belange zu übertragen. Oder umgekehrt – gesellschaftliche Phänomene im eigenen Verhalten zu erkennen. Daraus entfaltet der Dialog aus meiner Optik eine zivilisationsförderned Wirkung.

 

November 2017

Dialogisches Schmankerl
Vor kurzem bin ich auf ein Angebot zum Feuerlaufen gestossen, das meinen „Gwunder“ potenzierte und meine Skepsis dezimierte (www.feuerlaufen.ch). An dieser Stelle nur das Kurzfazit: die Erfahrung hat sich für mich sehr gelohnt. Dass ich dieses Erlebnis hier erwähne, beruht auf der Aussage des Feuerlauf-Leiters, dass Feuerläufe nur in der Gruppe Sinn machen. Offenbar hat er sich trotz seiner grossen Erfahrung bei einem „Sololauf“-Experiment tatsächlich Verbrennungen zugezogen. Rückblickend wird es mir immer deutlicher, welch bestärkenden Einfluss die Gruppe auf meinen „Erfolg“ hatte. Natürlich ist mir somit auch die Parallele zum Dialog aufgefallen. Obwohl ich einerseits viel Zeit für meine Selbstreflexion brauche und anderseits mit Teams auch schon gute Erfahrungen gemacht habe, wurden mir bestimmte Erkenntnisse erst durch die spezifischen Bedingungen der Dialoggruppe möglich.
Ein eindrückliches Beispiel dazu gibt mir der letzte Dialog (Thematischer Dialog mit dem Philosophen Imre Hofmann). Unter anderem ging es dabei für mich um die Frage, ob es menschliches Verhalten gibt, das verurteilt werden kann – oder gar verurteilt werden muss. Der sogenannte „radikalen Konstruktivismus“ verneint die Frage, weil dabei das Prinzip verletzt würde, dass jedes Individuum stets die ihm am sinnvollsten scheinende Option wählt. Mit der „am sinnvollsten scheinende Option“ ist gemeint,
  • dass die „Entscheidung“ für ein bestimmtes Verhalten mit den im Moment zur Verfügung stehenden Ressourcen gefällt wird. Wenn ich z.B. hungrig oder müde bin, ist meine Souveränitäts-Ressource eingeschränkt, mein Mix aus bewussten und unbewussten Entscheidungselementen fällt somit sehr wahrscheinlich dünnhäutiger aus. Auch wenn ich mein daraus resultierendes Verhalten im Nachhinein bedauere, habe ich im Moment „mein Bestes“ gegeben und bin somit im moralischen Sinn unschuldig. Eine Verurteilung kann ich allenfalls zwar rational nachvollziehen, und dennoch emotional als ungerecht empfinden, weil ein Massstab angewendet wird, der mich überfordert. Und wer hat solche Überforderungen nicht schon als Respektverweigerung empfunden?
  • dass die Entscheidung nicht egoistisch, sondern im „Bewusstsein“ des sozialen Kontextes geschieht. Auch wenn ich weiss, dass z.B. meine Wutreaktion die Beziehung zu meinem Gegenüber nicht nur strapaziert, sondern gar negative Konsequenzen für mich haben kann, gelingt es mir mit meinen aktuellen Ressourcen oftmals nicht, stattdessen sachlich von meinen Bedürfnissen zu sprechen.
Analog zur Systemtheorie geht der radikale Konstruktivismus davon aus, dass das Muster des moralisierenden Verurteilens genauso auf gesellschaftlicher und politischer Ebene abläuft. Natürlich sind die „guten Gründe“ für ein bestimmtes Verhalten in komplexeren Systemen entsprechend komplexer gestrickt. Im Dialog wurden die Mafia, Nazis und Lebensmittelspekulation als Beispiele analysiert und die Frage gestellt, ob ein „gemässigter Konstruktivismus“ nicht richtiger sei als der „radikale Konstruktivismus“. Mein affektives Bedürfnis, Mafia, Nazis und Lebensmittelspekulation zu verurteilen, steht im Gegensatz zum kognitiven Bedürfnis, andern den gleichen Respekt zukommen zu lassen, den ich selber von andern benötige. Diese sogenannte „kognitive Dissonanz“ empfinde ich als sehr unangenehm, sie strebt nach Auflösung. Im Verlauf des Dialogs wurde ich nun an ein Reaktionsmuster erinnert, das ich im Septembertext angesprochen hatte: die Tendenz, bestimmte Situationen oder Fragestellungen als zweipoliges Dilemma zu empfinden und in den „entweder/oder-Modus“ zu verfallen. Bin ich bezüglich Konstruktivismus wieder in die gleiche Falle getappt? Entweder „radikal“ oder „gemässigt“?
Eine Qualität des Bohmschen Dialogs liegt für mich darin, dass er Lösungen ausserhalb der Zweipoligkeit anstrebt. Diese Lösungsfindung wird durch Homogenität (gleiche Ansichten der Gesprächsteilnehmenden) reduziert und entsprechend durch Diversität optimiert. Und prompt hat mir die Gruppe zur vorläufigen Erkenntnis verholfen, den Konstruktivismus (Bewertungen wie „gut“ und „böse“ haben keine objektive Berechtigung) nicht als Widerspruch zur Ethik (was ist „gut“ und „böse“?) zu begreifen, sondern als Ergänzung. Schon im Septembertext erlösten wir die entweder/oder-Frage (Kopf oder Bauch) letztlich durch das „sowohl als auch“. Konstruktivismus ohne Ethik wäre somit wohl reiner Anarchismus, Ethik ohne Konstruktivismus jedoch moralinsäuerliche Dogmatik.

 

Oktober 2017

Konstruktivismus – Haben Menschen immer gute Gründe für ihr Verhalten?
Was kann ich machen, wenn mir Trump-Speech und Social-Media immer mehr Sorge bereiten? Vor kurzem wurde der Fall einer Schülerin bekannt – offenbar der erste Suizid in der Schweiz, der nachweislich durch Cybermobbing initiiert wurde. Für viele Leute scheint es die authentischste Art der Frustbewältigung und Selbstbehauptung zu sein, das Befremdende und Andersartige zu beleidigen und zu diffamieren. Einerseits kann ich das gut nachvollziehen – wenn ich in emotionale Enge komme, habe ich auch kaum Energie für differenzierendes Wohlwollen. Anderseits ist das für mich nur die halbe Wahrheit. Denn je mehr ich das differenzierende Wohlwollen praktiziere, desto leichter kann ich es in Frustsituationen anwenden, um Eskalationssituationen zu versachlichen und eben nicht in die unterste Schublade greifen zu müssen.
Der „Dialog nach David Bohm“ bietet eine Haltung bzw. ein Menschenbild an, das uns Verhaltensmuster bewusst werden lässt, welche zur Diffamierung führen. Und aus der Analyse dieser Muster resultieren alternative Verhaltensmuster. Angesichts der verheerenden Wirkung aggressiver und diffamierender Alltagssprache, wie sie sich z.B. in den Sozialen Medien zeigen, kommt dem Dialog nebst der persönlichen somit auch eine immense gesellschaftliche Bedeutung zu. Entsprechend wird der Dialog bereits an diversen Volksschulen eingesetzt, um Diffamierungsalternativen als selbstverständliche Muster bei den Kindern zu verankern. Dialog-Konstruktiv bietet ein Setting, um das dialogische Menschenbild kennenzulernen, die entsprechenden Methoden zu praktizieren und mit unmittelbaren Erfolgen zu festigen.
Dialog-Konstruktiv bezieht sich mit seinem Namen auf ein Segment der Philosophie, das sich Erkenntnistheorie nennt. Die Erkenntnistheorie kann als Sammlung verschiedener Denkmodelle verstanden werden. Diese Modelle beschäftigen sich mit der Frage, wie wir Menschen uns selber wahrnehmen. Ein bedeutendes Denkmodell ist der Konstruktivismus. Er geht davon aus, dass das Bild, das wir von unserer Umgebung haben, sich nicht ganz so passiv und „automatisch“ bildet, wie es zunächst scheint, sondern dass wir uns unsere sogenannte „Wirklichkeit“ selber konstruieren. Denn unsere Wahrnehmung verändert sich bekanntlich je nach Verfassung. Wenn ich beim Einkauf hungrig bin, wirkt das Angebot auf mich doch verführerischer als wenn ich satt bin. Für mich ergibt sich daraus, dass meine sinnliche Wahrnehmung zwar nur bedingt von meinem Bewusstsein, aber dennoch von meinem Wesen gestaltet bzw. eben konstruiert wird.
Doch wenn jedes Individuum sich permanent seine eigene Weltsicht konstruiert, wie sieht es dann aus mit der Wahrheit oder der Objektivität? Der Konstruktivismus hat deshalb die zentrale Bedeutung für den Dialog, weil er die Unterscheidung in Gut und Bös als willkürlich interpretiert – und „das Böse“ darum eliminiert. Stattdessen interessiert er sich für die „guten Gründe“, die hinter einem bestimmten Verhalten stecken. Dieser Respekt dem Andersartigen gegenüber umfasst natürlich, dass ich das Befremdende nach meiner subjektiven Empfindung ablehnen kann. Wer wird nicht lieber subjektiv abgelehnt statt objektivierend verurteilt?
Was Skeptiker als gravierenden Schönheitsfehler empfunden, hat für viele Anhänger des Konstruktivismus die Ästhetik einer “Weltformel“: die Annahme, dass jede Handlung gute Gründe hat und somit aus der Optik des handelnden Individuums im moralischen Sinn nicht verurteilt werden kann. Denn Systeme können sich aus Selbsterhaltungsgründen nicht suboptimal verhalten. Das heisst, im Moment ihrer Entscheidung ist für Systeme (Individuen, Gesellschaften etc.) das optimal, was ihre Ressourcen ermöglichen – alles andere ist Überforderung. Um diese absolute Klarheit gegen Relativierungsversuche abzugrenzen, sprachen die Vordenker des Konstruktivismus im letzten Jahrhundert konsequenterweise vom „radikalen Konstruktivismus“ – ein „bisschen Konstruktivismus“ sei genauso unmöglich wie ein „bisschen schwanger“. Denn sobald wir anfangen, gewisse Handlungen amoralisch zu bewerten, taucht die Frage auf, ob diese Grenze nicht ebenso willkürlich und somit ein Instrument von Machtinteressenten ist. Und wie falsch die Ansicht ist, die Mehrheit definiere die Wahrheit, zeigt das Beispiel von Galileo Galilei – es gab nur ganz wenige, die seinem Konzept folgten, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht umgekehrt. Will eine Gesellschaft jedoch bestimmte Verhaltensmuster verhindern (z.B. Steuern hinterziehen, Kinder schlagen etc.), kann sie dafür einen normativen Verhaltenskodex erlassen (Gesetze) und die Schuldklärung sowie Verurteilung einem durch die Gesellschaft legitimierten Rechtswesen (Gericht) übertragen. Das heisst, sowohl physische wie psychische Gewalt soll dem Affekt entzogen werden und wird darum an Spezialisten delegiert, die das subjektive Einzelinteresse gegen das Interesse der Gemeinschaft abwägen. Wie das Lustpotential von Gewalt dann kompensiert wird, ist wiederum eine andere Frage.
Fraglich ist ebenso, ob sogenannte Fakenews im Sinne von Diversity Management konsequenterweise nicht auch als mehr oder weniger bereichernde Wirklichkeitskonstruktionen willkommen sein müssten? Lässt sich eine Grenze zwischen den erwünschten und den unerwünschten Aspekten des Konstruktivismus ziehen? Oder ist die aktuelle Häufung von Frustbewältigung durch Diffamierung in der Gesellschaft (Wutbürger) nur das Symptom einer momentanen kollektiven Überforderung, ausgelöst durch den Wegfall der alten Autoritäten sowie der Verunsicherung durch zunehmende individuelle Freiheiten (Multioptionsgesellschaft) und dem damit einhergehenden Komplexitätszuwachs? Ist die aktuell so deprimierend wirkende Weltlage somit allenfalls eine notwendige Eskalationsphase, um besonnener in eine nächste Phase aufbrechen zu können?

 

Spezial-Dialog am Samstag, 28. Oktober 2017 – im Foyer Wandelbar, Zollikerstrasse 74, 8008 Zürich:
Dialog-Konstruktiv versammelt bereits seit einem Jahr monatlich eine stets changierende Gruppe von Leuten, die leidenschaftlich gerne mit Sprache ihre Tiefe ausloten. Darüber freue ich mich sehr und plane als Dankeschön einen zweiteiligen Spezialanlass:
13:30 – 15:30
Philosophischer Dialog mit Gast zum Thema „Konstruktivismus“
mit Einführung zu den konstruktivistischen Grundannahmen sowie zur daraus resultierenden dialogischer Haltung und Methode.
Gast: Imre Hofmann, praktizierender Philosoph, Zürich (www.elenchos.ch)
Pause mit Goodies
16:00 – 18:00
„Nichts passiert“, Film des Schweizer Regisseurs Micha Lewinsky
Der Film zeichnet das differenzierte Bild eines vom Leben permanent überforderten Mannes (Darsteller: Devid Striesow). Wir spielen die für die Charakterisierung relevanten Szenen. Danach dialogischer Austausch. Dabei fokussieren wir auf die „guten Gründe“, die das Verhalten des Protagonisten initiierten.
Ich freue mich sehr, mit Imre Hofmann einen skeptischen Denker gewonnen zu haben, der uns als Dialogteilnehmender sokratisch zur Präzisierung unserer Argumente verführen will.

 

September 2017
Dialog-Konstruktiv hat wohl den Anspruch, sich nebst persönlichen auch mit gesellschaftlichen Spannungsfeldern auseinander zu setzen, definiert jedoch keine vorgegebenen Themen. Die Themen generieren sich stattdessen selber – aus dem Moment und durch die jeweiligen Teilnehmenden. An dieser Stelle mache ich mir einfach gerne ein paar Gedanken, die für mich dialogische Relevanz haben. Sie können, müssen jedoch keinen Einfluss auf den Dialog haben.
In der Schlussdiskussion an einem Psychologie-Kongress zur Neurosensitivität erlebte ich vor kurzem, wie sich ein Spannungsfeld unter Referierenden öffnete. Eine Sprachwissenschaftlerin/Kommuni-kationsberaterin verwies eindringlich auf das Potential der gewaltfreien Kommunikation (GFK nach Marshall B. Rosenberg), um zwischenmenschliche Konflikte zu versachlichen und damit belastende Eskalationen zu verhindern. Das löste bei einer Dramatikerin/Körpertherapeutin heftigen Widerspruch aus. Sie geisselte GFK als äusserst kontraproduktives Konzept, weil die Versachlichung eine kognitive Handlung sei, und damit genau die Entfremdung von den Emotionen fördere, unter denen viele ihrer Klientinnen und Klienten leiden. Sie diagnostizierte diesen „Verlust an Autonomieempfinden“ gar als zentrales gesellschaftliches Defizit, weil eine im eigenen Körper verankerte Konfliktkultur damit desavouiert werde. Welche Position spricht mich an? Und was sind die guten Gründe der auf mich eher emotional wirkenden „hate-speeches“ – z.B. in den Sozialen Medien?
Nach meiner Beobachtung scheint es Menschen zu geben, welche die direkte, emotionale und ungefilterte Rede für sich in Anspruch nehmen und meistens auch klar kommen oder sogar verlangen, dass „Klartext“ mit ihnen gesprochen wird. Andere Menschen hören diffamierende Elemente aus diesen oftmals absolut und in der Du-Form geäusserten Botschaften. Sie müssen beim Zuhören filtern und einen Zusatzaufwand betreiben, wenn sie diese diffamierenden Elemente „weghören“ wollen. Was sind die Chancen, was die Risiken des einen oder des andern Modells?
Das Spannungsfeld hat für mich die Qualität einer Exposition – zwei Positionen werden klar gegeneinander abgegrenzt: affektive gegen kognitive Strategie. Schal wird mein Gefühl, wenn diese Ausgangslage sich zu einer Komplexitätsreduktion im Sinne von „entweder oder“ verfestigt: wenn sich – wie oben dargestellt – Kopf (Kognition) und Bauch (Emotion) gegeneinander behaupten müssen. Doch weil Vereinfachung zumindest kurzfristig meist viel Energie spart und somit „fast-economic“ ist, lasse auch ich mich wie die meisten Menschen ganz gerne von dieser simplen Reduktion verführen. Im Dialog kann ich mir diesem Muster genauso bewusst werden – wie seinem Pendent, dem „sowohl als auch“. Denn nach meiner Auffassung haben sich Emotionalität und Rationalität nicht entwickelt um sich zu konkurrenzieren, sondern um zu kooperieren. Dennoch bekomme ich von der Fraktion der „Klartextdiplomatie“ häufig zu hören, der Dialog mit seiner Forderungen des „Nichtverurteilens“ sowie der „ich-Form“ widerspreche ihrer Natur. Somit scheint der Dialog im Widerspruch zu seinem integralen Anspruch zu stehen. Wer hat eine passende Antwort?

 

August 2017
Dialog-Konstruktiv hat wohl den Anspruch, sich nebst persönlichen auch mit gesellschaftlichen Spannungsfeldern auseinander zu setzen, definiert jedoch keine vorgegebenen Themen. Die Themen generieren sich stattdessen selber – aus dem Moment und durch die jeweiligen Teilnehmenden.
An dieser Stelle habe ich bisher meistens ein paar Gedanken zu politischen bzw. gesellschaftlichen Aspekten des Dialogs notiert. Heute drängen sich bei mir Gedanken zur formellen und methodischen Praxis des Dialogs auf, auch wenn sich z.B. bei der rassistischen Eskalation im amerikanischen Charlottesville massive dialogische Defizite in der Gesellschaft zeigen. Doch der Blick auf andere fällt leicht. Wie aber steht es mit meinem eigenen Verhalten, wenn ich mir Nahestehende brüskierte, verletze und enttäuschte? Veränderung beginnt letztlich bei mir selber.
Beim Bohmschen Dialog, wie ich ihn kennengelernt habe, spielt die „Entschleunigung“ eine zentrale Rolle. Erreicht wird diese Entschleunigung durch ein sogenanntes Sprechobjekt – bei Dialog-Konstruktiv ein profaner, abgewetzter und entlüfteter (entspannter) Handball. Das Sprechobjekt ist eine Methode, um spontane Reaktionen auf etwas Gehörtes zu regulieren: ich spreche nur, wenn ich den Ball habe, ist der Ball bei jemand anderem, höre ich zu (oder ich hänge meinen Gedanken nach, oder ich döse etc). Meistens funktioniert die Methode – der Gesprächsfluss in der Gruppe erhält eine Intensität der Ruhe. Ich bin zwar in einer Art Gespräch, erhalte jedoch sehr viel Raum, um zu Beobachten, was im Moment durch meinen Kopf geht. Die Metapher vom „meditativen Gespräch“ passt für mich dazu.
Natürlich bräuchte es dieses „Sprechobjekt“ nicht. Ich kann doch meinem Gegenüber bis zum letzten Wort zuhören und dabei meine innere Reaktion beobachten und meine äussere Reaktion vorbereiten. Allerdings zeigt sich auch bei mir, dass ich ohne das Sprechobjekt sehr schnell in die alten, vorschnellen und kaum reflektierten Reaktionsmuster kippe und die dialogische Qualität der differenzierteren Reaktionen wieder dezimiere. Für mich ist es bedauerlich, dass ich ein Sprechobjekt brauche, weil damit im Dialog häufig auch die guten Elemente der Spontanität wegbrechen.
Eine Attraktion des bohmschen Dialogs liegt für mich darin, dass ich wie beim Schachspiel stets auf neue Aspekte stosse, die ich beachten und integrieren möchte, um das zu fördern, was ich als Dialogqualität bezeichne. Das Gruppengespräch von Dialog-Konstruktiv ist noch jung. Bis dato hat es zehn Mal stattgefunden, und bisher waren jedes Mal auch Newcomer dabei. Somit gibt es noch viel Lernpotential.

 

Juli 2017
Im Reminder für den Juni-Dialog ging ich darauf ein, dass die Gemeinde Moutier über seine Kantonszugehörigkeit abgestimmt hatte und dieses Resultat beziehungsweise der damit verbundene Prozess von vielen Medien als Sieg des Dialogs bezeichnet wurde. So wie ich den Dialogteilnehmer verstanden habe (bzw. so wie ich mich daran erinnere), stellte er die kritische Frage, ob das Resultat eine Volksabstimmung tatsächlich als Ergebnis eines dialogischen Prozesses bezeichnet werden könne. In der Politik gehe es um harte Interessen. Zudem sei das Thema einer Abstimmung für ihn (und gemäss seiner Empfindung wohl auch für viele andere Stimmberechtigte) meisten viel zu komplex, um mit gutem Gewissen einen Entscheid fällen zu können. Und häufig sei das Resultat einer Abstimmung so knapp, dass wohl eher von Zufall als von einem „Sieg des Dialogs“ gesprochen werden müsse.
Was für ein wunderbarer Moment – kaum hatte der „kritische Dialogteilnehmer“ seine Ansicht dargelegt, realisierte ich, dass ich allenfalls etwas zu dialogverliebt die medientypisch süffisante Metapher vom „Sieg des Dialogs“ kolportierte. Und einmal mehr komme ich rückblickend zum dialogischen Schluss, dass im Interesse hoher Diversität beide Positionen ihre Berechtigung haben. Die Abstimmung selber würde ich auch nicht als dialogisch bezeichnen. Auch das demokratische Paradigma, dass selbst bei knapper Mehrheit die knappe Minderheit formell einfach ignoriert werden kann, ist für mich autoritär und somit contra-dialogisch. Doch genau in diesem Moment kann es für mich wieder dialogisch werden, wenn die Mehrheit nicht einfach im eigenen Interesse auf ihrem statutarisches Recht verharrt, sondern im Interesse langfristiger Stabilität die Ausführungsgesetze so gestaltet, dass die Minorität sich nicht ständig übervorteilt fühlen muss.
Doch wie kann sich dialogischer Anspruch behaupten, wenn – wie zurzeit in verschiedenen Demokratien zu beobachten ist, die Autoritäten sich nicht mehr der Integration von Minderheiten verpflichtet fühlt?

 

Juni 2017
Gerne mache ich mir an dieser Stelle Gedanken zu einem Ereignis der vergangenen Tage, das für mich dialogische Komponenten hatte.
Am letzten Wochenende hat die Gemeinde Moutier darüber abgestimmt, ob sie weiterhin zum Kanton Bern gehören oder zum Kanton Jura zu wechseln will. Nach der Abstimmung konnten wir überall hören und lesen, dass es sich bei diesem Ablösungsprozess um einen Sieg des Dialogs handelt, denn Grenzverschiebungen sind grosse Herausforderungen sowohl für Behörden wie für die betroffene Bevölkerung. Offenbar sahen das viele internationale Delegationen ähnlich und wollten das Plebiszit vor Ort miterleben.
In meinem letzten Reminder habe ich die These skizziert, dass das biblische Pfingsterlebnis der erste Dialog war, weil die Apostel bei diesem Ereignis die Gabe erhielten, sich zu verstehen, obwohl sie in ihren unterschiedlichen und somit fremden Herkunftssprachen erzählten. Wenn ich „fremde Sprachen“ übersetzen mit „anders sein, eine eigene Sichtwiese haben“, kann sich die dialogische Brücke zur Volksabstimmung in Moutier bilden. Ein Teil der Bevölkerung bewertete die Berner Kantonszugehörigkeit für sich als unpassend, der andere Teil bewertete die Jurassische Kantonszugehörigkeit für sich als unpassend. Weil diese Art von Spannungsfeld zwischen zwei Positionen nicht via Kompromiss aufgelöst werden kann, braucht es die Bereitschaft, sich auf ein übergeordnetes Interesse zu einigen, z.B. auf „Frieden“. Die dialogische Arbeit bestand dann wie beim Pfingstgleichnis darin, die andere Sichtweise zu verstehen. Im Dialog geschieht das, indem ich der andern Position beim Zuhören wohlwollend „gute Gründe“ für diese Position unterstelle – also ohne negative Bewertung (Achtung – die limbische Affektbewertung darf natürlich negativ sein. Nur soll die kognitive und nicht die affektive Bewertung abschliessend sein). Das bedeutet nicht, dass ich die andere Position für mich als passend empfinden muss. Es ist gut für mich, wenn das Gegenüber meiner Position genauso gute Gründe unterstellt, also wenn ich keine diffamierende Ablehnung erlebe. Dann fühle ich mich verstanden. Dann ist der Friede für mich machbar.

 

Mai 2017
Nach dem Auffahrtswochenende ist bereits Pfingsten. In diesem neutestamentlichen Ereignis erkenne ich eine grosse dialogische Komponente. Als „Pfingstwunder“ wird beschrieben, dass die 12 Apostel in ihren jeweiligen Sprachen gesprochen haben – und sich dennoch verstehen konnten. Wenn wir davon ausgehen, dass jedes Individuum eine eigene Sprache spricht (Idiolektik), so ist es sehr wahrscheinlich, dass durch Kommunikation selbst bei gleicher „linguistischer Sprache“ Unverständnis resultiert, weil die Worte mehrere Deutungen erlauben. Da der Bohmsche Dialog Möglichkeiten für ein Verständnis jenseits des rein wörtlichen Verstehens anbietet, kann das Pfingstwunder somit aus christlicher Optik als erster Dialog verstanden werden. Denn diese Form des Verstehens wird im neuen Testament als neue Fähigkeit beschrieben, welche den Jüngern durch den heiligen Geist an diesem Tag eingegeben wurde. Wenn ich dieses dialogische Verstehen als Fundament des Zivilisationsprozesses sehe, dann wird mir deutlich, dass Pfingsten als „Geburtstag der Kirche“ bezeichnet wird – und damit einen Epochenwandel darstellt.
Wenn wir die biblische Anekdote als Basis nehmen, hat sich diese Fähigkeit des dialogischen Verstehens seit rund 2000 Jahren bereits stark verbreitet. Da mir der zivilisatorische Prozess oftmals noch reichlich gefährdet erscheint, bleibe ich mit dem Dialog-Konstruktiv weiterhin dran :-).

 

April 2017
Aus dialogischer Optik hat mich das Tagi-Interview vom 21.04.2017 mit dem 1992 geborenen französischen Soziologen und Bestsellerautor Edouard Louis („En finir avec Bellegueule“, deutsch „Das Ende von Eddy“) fasziniert: http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/Die-Linke-muesste-meine-rassistischen-Eltern-ansprechen-/story/13596686.
Im Vorfeld der französischen Präsidentschaftswahl sagt er, dass es einen sozialen Dialog nicht gäbe. So wie ich Louis verstehe, wirft er nicht nur der linken (Partei)-Elite vor, das Verständnis für die Nöte der einfachen Leute verloren zu haben. Auch vermeintlich sozialistische Kulturschaffende wie Jean Genet, Pier Paolo Pasolini oder Ken Loach hätten einen Mythos der authentischen und somit würdevollen Armen geschaffen, und dem reichen Teil der Gesellschaft damit eine bequeme Legitimation für ihre Ignoranz gegeben. Die Gewinne des Front National sei eine Folge dieses linken Versagens. Louis verweigert öffentliche Auseinandersetzungen mit Vertretern des Front National, weil er damit homophobem, antisemitischem, frauen- und islamfeindlichem Gedankengut einen Echoraum bieten würde – und letztlich nur Aussage gegen Aussage stünde.
Auch wenn ich das Argument von Louis nachvollziehen kann, beantwortet es für mich die resultierende Frage noch nicht, was denn mit den ungeliebten Gedanken unserer Mitbürger passiert, wenn nicht mehr zusammen gesprochen wird. Extremisierung basiert meines Erachtens häufig auf Ausschlusserfahrungen, und Exkommunikation wäre ein weiter Ausschluss. Dialog-Konstruktiv übt sich stetig darin, durch Beziehungspflege ein höheres Zivilisierungspotential zu erreichen als durch Abschottung.

 

März 2017
Aus dialogischer Optik hat Radio SRF2 am 13. März 2017 die interessante Sendung „Vom Lügen (und der Wahrheit) in der Politik“ ausgestrahlt: http://www.srf.ch/sendungen/kontext/vom-luegen-und-der-wahrheit-in-der-politik. Dabei versuchen diverse Korrespondenten, den alten Phänomenen Propaganda und Manipulation unter dem neuen Etikett „Fake news“ mit dem Anspruch von Objektivität aktuelle Erkenntnisse abzugewinnen (Faktencheck). Als bereichernden Kontrapunkt lässt SRF2 im abschliessenden Beitrag die emeritierte Philosophieprofessorin Karen Gloy erläutern, dass in einer offenen Gesellschaft ohne Gesinnungsautoritäten die relativierende Kraft des Konstruktivismus ein grösseres Friedens- und Kooperationspotential hat als eine offensichtlich elitär wirkende „Objektivität“. Weil all unsere Äusserungen sowieso subjektiv geprägt sind, sei das Konzept der Objektivität nicht haltbar.
Der Konstruktivismus ist auch eine philosophische Basis von Dialog-Konstruktiv. Er besagt, dass jedes Individuum sich seine Welt bzw. seine Wirklichkeit selber erstellt (konstruiert). Dieser Gedanke steht zunächst im Widerspruch zum Verständnis, dass ich weder meine Wahrnehmungen noch Bewertungen umfänglich selber steuern und somit auch nicht konstruieren kann, da diese Prozesse ja grösstenteils unbewusst ablaufen. Der Konstruktivismus argumentiert jedoch, dass eine bestimmte Situation (z.B. das Bedrohungspotential durch Flüchtlinge) von unterschiedlichen Personen unterschiedlich wahrgenommen und bewertet wird. Trotz einheitlicher Information schafft mein Unbewusstsein somit offenbar einen Unterschied (Differenz) zu andern Personen. Daraus resultiert die Frage, was mich legitimiert, meine Einschätzung einer Situation als richtiger bzw. wahrer zu erachten als die Einschätzung meines Gegenübers?
Dialog-Konstruktiv kultiviert das Interesse für subjektive Äusserungen. Den aktuellen Populismus erachte ich als Folge des Objektivitätsanspruchs. Denn wenn „objektive“ Medien mit ihrem Machtpotential sich diffamierend äussern (z.B. dass Ängste der Landbevölkerung vor Flüchtlingen diffus und unbegründet seien), ist die Wut und Ohnmacht der Diffamierten programmiert, ihre Bereitschaft für autoritäre Rächer entsprechend gelegt. Respekt (im Sinn von Nichtdiffamierung) befähigt Zivilisationen, populistische Positionen ins Leere laufen zu lassen.

 

Februar 2017
Dialog-Konstruktiv hat wohl den Anspruch, sich mit gesellschaftlichen Spannungsfeldern auseinander zu setzen, definiert jedoch keine vorgegebenen Themen. Die Themen generieren sich stattdessen selber aus dem Moment und durch die jeweiligen Teilnehmenden.
Vor dem Januar-Dialog hatte ich die Frage gestellt, wie wir unser Kommunikationsverhalten steuern können, um fremde Positionen als Gewinn zu erleben. Wieder nahmen etliche neue Leute teil, die sich bereits sozialpolitisch engagieren. Entsprechend hatten sie z.T. klare Vorstellungen von „guter Politik“. Für mich war es sehr eindrücklich zu beobachten, wie die Gruppe den neuen Teilnehmenden zur Erkenntnis verhalf, dass die jeweilige Position von „Andersdenkenden“ viel offener und interessierter wahrgenommen und verhandelt wird, wenn sie nicht als etwas Absolutes dargestellt wird, sondern als persönliche (subjektive) Option. Der Preis für das veränderte Kommunikationsverhalten scheint zunächst eine reduziertere Bedeutung der eigenen Position zu sein, der Profit jedoch eine wohlwollendere und entsprechend befriedigendere Resonanz :-).

 

Januar 2017
Dialog-Konstruktiv hat wohl den Anspruch, sich mit gesellschaftlichen Spannungsfeldern auseinander zu setzen, definiert jedoch keine vorgegebenen Themen. Die Themen generieren sich stattdessen selber aus dem Moment und durch die Gruppe.
Bei unserem Dezember-Dialog zeigte sich dabei ein schöner Effekt, der offenbar bereits antizyklische Qualitäten hat. Denn vor allem seit den amerikanischen Präsidentschaftswahlen scheint ein grosses Thema zu sein, dass wir beim Informationskonsum durch digitale Medien nur noch eine auf uns persönlich ausgerichtete Auswahl an Informationen auf unsere Monitore bekommen. Die Auswahl erfolge auf Grund der bisherigen Vorlieben für bestimmte Artikel (Klicks). Der Vorteil sei, dass die Selektion immer präziser die individuellen Bedürfnisse abdecke.
Nun, beim Dialog passiert genau das Gegenteil – ich werde immer wieder mit fremden und entsprechend befremdenden Ansichten konfrontiert, die mich allenfalls irritieren oder gar verärgern. Bei unserem Dezember-Dialog wurde das sehr deutlich. Trotz Vorweihnachtszeit hatten wir viele, auch neue Teilnehmende. Die Gesprächsdynamik hat sich dadurch so verändert, dass sie selber zu einem Thema wurde. Daraus stellt sich die auch gesellschaftlich relevante Frage, wie kann ich mich steuern, damit Diversität ein Gewinn wird? Der Dialog bleibt für mich auch im neuen Jahr verheissungsvoll.

 

Dezember 2016
Dialog-Konstruktiv hat wohl den Anspruch, sich mit gesellschaftlichen Spannungsfeldern auseinander zu setzen, jedoch keine vorgegebenen Themen. Sage ich interessierten Leuten auf ihre Frage nach den Dialogthemen jeweils, dass die Themen sich nach den Prinzipien der Selbstorganisation spontan aus den momentanen Bedürfnis der Teilnehmenden entwickeln, scheint diese Antwort wenig Interesse auszulösen. Aus Freude am Experiment begann ich zu antworten, das Thema sei die Metakommunikation. Und huch – welch ein Unterschied in der Resonanz – dieses Thema scheint verheissungsvoll zu sein :-).
Charakteristisch an der Metakommunikation ist für mich, dass in Ergänzung zum Inhalt (was?) vor allem die Form (wie?) Bedeutung erhält und dadurch zu differenzierender Wahrnehmung sensibilisiert. Nachdem sich beim Oktober-Dialog die Form des Dialogs unbändig befreite und anarchische Qualitäten annahm, schöpfte bereits der November-Dialog wieder aus der Kraft der Reduktion. Der Dialog bleibt für mich verheissungsvoll :-).

 

November 2016
Dialog-Konstruktiv hat wohl den Anspruch, sich mit gesellschaftlichen Spannungsfeldern auseinander zu setzen, jedoch keine vorgegebenen Themen. Die Themen entwickeln sich – nach den Prinzipien der Selbstorganisation – stets aus den momentanen Bedürfnis der Teilnehmenden.
Beim Oktober-Dialog wurde die Frage gestellt, was denn nun das eigentliche Thema sei. Aus meiner Sicht geht es beim Dialog immer um die Meta-Ebene -> wie kommuniziere ich? was geht mir durch den Kopf? was sind die guten Gründe, dass mich Aussagen aufregen? habe ich etwas zu sagen? etc. Das konkrete Gesprächsthema dient somit dazu, dass wir uns nicht ausschliesslich auf der Metaebene über die Metaebene unterhalten :-).